Aus dem Russischen, herausgegeben und kommentiert von Eveline Passet Nachworte von Eveline Passet und Michail Schischkin Gebunden, fadengeheftet und mit Lesebändchen 457 Seiten, € 34 [D] | € 35 [A] ISBN 978-3-945370-23-0

Tagebücher. Band I 1917 bis 1920

Michail Prischwin

Michail Prischwin (1873–1954) schrieb seine Tagebücher unter dem Sowjetregime im Verborgenen. Mit diesem heimlichen Schreiben wollte er sichergehen, dass er nicht in politische Schwierigkeiten geriet, doch es ging ihm ebenso sehr auch um psychischen Selbstschutz: Die Tagebücher sind ein Versuch, den eigenen weltwahrnehmenden Blick, das eigene Fühlen und Denken und die eigene Sprache freizuhalten von den Korruptionen, denen viele unterlagen aus Angst, aus Glaube oder aus mangelnder Kraft, in Diskrepanz zur Umgebung zu leben.

Prischwins Tagebücher bilden ein Mosaik aus Alltagserlebnissen, Begegnungen mit berühmten wie einfachen Menschen, Betrachtungen zur Literatur und Philosophie, Träumen, Naturschilderungen, Skizzen zu literarischen Arbeiten und vielem mehr. Aber vor allem verzeichnen sie kleinste Mutationen des politisch-gesellschaftlichen Lebens und deren Niederschlag im einzelnen Menschen und in der Sprache. In den Tagebüchern ist »Leben gesammelt« wie in Victor Klemperers Tagebüchern, mit denen sie manches gemeinsam haben.

Eveline Passet stellt aus 18 russischen Bänden mit 13.000 Seiten eine vierbändige Auswahl zusammen, die sie übersetzt und kommentiert. Der erste Band reicht von 1917, dem Jahr der Februar- und der Oktoberrevolution, bis 1920, jenem Bürgerkriegsjahr, das den Sieg der Bolschewiki besiegelte. Darin zeigt sich ein Mensch, der das, was um ihn herum passiert, mitdenkt und zu verstehen versucht. Er leidet an den Zeiten und schafft es doch, selbst in Bedrängnis, sich zur Welt – auch der jenseits des Politischen gelegenen – mit aller Wahrnehmungskraft zu öffnen.

Subskription
Die vier Bände der deutschen Übersetzung von Prischwins Tagebüchern können, nach Wunsch ab Band I oder Band II, subskribiert werden. Seit Herbst 2019 erscheinen sie im Zwei-Jahres-Rhythmus. Bei Abnahme einer Fortsetzung aller Bände kostet jeder einzelne Band nur noch € 30 statt € 34.

Für weitere Informationen: vertrieb@guggolz-verlag.de

»Unkaschierte Ansichten eines Intellektuellen in der Sowjetunion, dargeboten in einer Formenvielfalt, die von Alltagseindrücken über Traumnotate, Allegorien, Aphorismen bis zu regelrechten Reportagen reicht. (…) Es ist das scheinbar noch phantastischere dieser beiden Bücher, etwa in Passagen wie dieser vom Januar 1920: ›Wir hatten damit gerechnet, in diesem Winter vor Hunger und Kälte zu sterben, aber es gab mehr Mehl als im vorigen Jahr, auch an Holz mangelte es nicht allzu sehr, dafür aber hat sich der geistige Hunger derart ausgewachsen, dass wir an ihm sterben.‹ Michail Prischwin sättigte diesen Hunger in der Manier eines Baron Münchhausen, indem er sich am eigenen Zopf aus dem Sumpf zog, also selbst scharfsinnig schrieb, wo ihn sonst keine Literatur mehr inspirierte.«

Andreas Platthaus, Frankfurter Allgemeine Zeitung

»Die Prischwin-Tagebücher sind das einzigartige Dokument der Selbstbefragung eines Intellektuellen in der Diktatur. Selten wurden die Mechanismen der Sowjetherrschaft so anschaulich seziert, selten wurde das ewige Rätsel für die Nachgeborenen so plastisch aufgelöst, wie es um Himmels willen dazu kommen konnte, dass der Traum von einer besseren Welt zu Millionen Toten und jahrzehntelanger Unfreiheit führte. (…) Tagtäglich registriert Prischwin, wie die Revolution 1917 die Menschen verändert. Anekdoten, Beschreibungen und philosophische Reflexionen mischen sich, das literarische Niveau ist erstaunlich, mit Witz, Ironie, Sarkasmus und heiligem Ernst. (…) Sein Tagebuch vermag weit mehr, als Zeugnis abzulegen: Es lehrt das genaue Hinschauen und Nachdenken, das Lernen und den ehrlichen Blick auf sich selbst.«

Alexander Cammann, Die Zeit

»Der erste Band der im Verborgenen geführten Tagebücher von Michail Prischwin zeigt das geheime Hauptwerk eines oberflächlich angepassten Autors. Er hinterlässt darin Vignetten des revolutionären Chaos im Russland der Jahre 1917 bis 1920. (…) Die Lektüre der Tagebücher Michail Prischwins ist eine gute Einführung in das Werk eines bedeutenden und in Deutschland so gut wie unbekannten russischen Schriftstellers. Und sie kann einen belehren über die verschwiegene politische Dimension des derzeit von breiten Leserschichten wiederentdeckten und oft als Luxusartikel missverstandenen Genres des Nature Writing.«

Stephan Wackwitz, Süddeutsche Zeitung

»Die Aufzeichnungen gewähren einen Einblick in die fragile Mechanik des Revolutionsjahrs 1917 und in die gesellschaftlichen Umbrüche des Bürgerkriegs. (…) Michail Prischwins Tagebuch ist eine literarische und historische Quelle ersten Ranges. Es verbindet eine hellwache Sicht auf das Revolutionsgeschehen mit einer feinsinnigen psychologischen Analyse. Gleichzeitig stellt Prischwin seine künstlerische Schaffenskraft unter Beweis, indem er die eigene Biografie nicht einfach als passives Schicksal, sondern als weltgeschichtliche Zeitzeugenschaft begreift.«

Ulrich Schmid, Neue Zürcher Zeitung

»›Auflösung und doppelgleisige Existenz‹ – so steht es unter dem Datum des 24. Februar 1917 im ersten Eintrag von Michail Prischwins Tagebuch. Wie viel dieser Auftakt mit demjenigen zu tun haben würde, das er in den kommenden Jahren erleben und erleiden sollte, konnte er nicht ahnen. Prischwin, geboren 1873, gestorben 1954, war öffentlich ein Schriftsteller, der mit seinen Werken in der Sowjetunion nicht aneckte, und insgeheim der Chronist einer Epoche, die dem Einzelnen alles abverlangte und in der sich keiner sicher fühlen konnte. (…) Nun ist der erste Band einer deutschsprachigen Auswahlausgabe erschienen. Und berichtet schonungslos und erstaunlich sachlich von den Menschen in einer finsteren Zeit und ihren Strategien des Überlebens.«

Begründung Darmstädter Jury Buch des Monats

»Schon die Lektüre des ersten Bandes der neuen deutschen Übersetzung überzeugt uns davon, dass wir den wahren Prischwin, der lange als ›Sänger der russischen Natur‹ und Kinderbuchautor galt, nicht kannten - zumindest nicht bis zum Erscheinen der Bürgerkriegserzählung ›Der irdische Kelch‹ im Berliner Guggolz-Verlag im Jahr 2015. (…) Eveline Passet hat Prischwins Tagebücher treffsicher und mit großem Einfühlungsvermögen übersetzt. Ihre hilfreichen Kommentare basieren auf den Anmerkungen zu den russischen Ausgaben der Diarien und unzähligen weiteren Quellen. Ihr informatives Nachwort wird durch Michail Schischkins Essay ›Prischwins Erwiderung‹ ergänzt, der überzeugend darstellt, wie wichtig für einen Sowjetliteraten, der eine Spielart der inneren Emigration wählte, die ›Kunst der Mimikry‹ war.«

Karlheinz Kasper, Neues Deutschland

»Michail Prischwins Tagebücher charakterisiert ein Nebeneinander von Gewöhnlichem und Bedeutendem. Vor seinem Tod ist es dem Autor es nicht mehr gelungen, die Aufzeichnungen noch einmal zu redigieren. Sie weisen daher bisweilen Skizzencharakter und insgesamt eine große stilistische Bandbreite auf. Doch schadet dies dem ganzen Vorhaben keineswegs: Die Notate sind gerade deswegen ein unverfälschtes Zeugnis jener Zeit, in der sie verfasst wurden. (…) Eveline Passet hat Bravouröses geleistet. Nicht nur hat sie aus der riesigen Fülle von Material eine überzeugende Auswahl getroffen und diese in ein hervorragendes Deutsch übersetzt. Sie hat darüber hinaus aus zahlreichen Quellen einen ausführlichen und immer wieder erhellenden Kommentar generiert. Auf die Fortsetzung darf man sich freuen!«

Daniel Henseler, literaturkritik.de

Michail Prischwin

Es ist »das Jahr neunzehn des zwanzigsten Jahrhunderts«, kurz nach der Revolution. Ein Landschloss in einem russischen Provinzstädtchen, dessen erster Stock zu einem »Museum des Gutslebens« umfunktioniert wurde. Bevölkert wird das Schloss von sonderlichen Gestalten, die sich dort eingerichtet haben. Machtbesessene Emporkömmlinge, die die Gunst der Stunde nutzen, überlebensschlaue Bauern, eine betagte Kinderfrau, nun Hüterin zweier übriggebliebener Pfauen, und ein Gärtner, der unverdrossen den Garten bestellt, aus dem längst alle Bäume verschwunden sind. In dieser Gesellschaft soll der Dorfschullehrer Alpatow das Licht der Bildung verbreiten – eine aussichtslos erscheinende Aufgabe inmitten von Hunger, Bürgerkrieg und Aberglauben.

Michail Prischwin galt Zeit seines Lebens, ja bis zu Perestrojka und Mauerfall als ein apolitischer Autor, der als »Sänger der russischen Natur« (Paustowski) Bekanntheit erlangte. Prischwin führte allerdings auch jahrzehntelang ein von jeder äußeren und inneren Zensur freigehaltenes, gesellschaftlichmentale Verschiebungen minutiös festhaltendes Tagebuch, von dem nicht einmal seine Frau wusste. Und er schrieb in den Anfangsjahren seines literarischen Schaffens politisch gefärbte Texte wie »Der irdische Kelch«, die zu seinen Lebzeiten nicht veröffentlicht werden konnten. Die vielstimmige Erzählung mit ihrem Mischcharakter von Groteske und Legende ist der erste längere künstlerische Text, den Prischwin nach der Oktoberrevolution verfasst hat. Darin führt er eindrucksvoll sein ganzes Können vor: treffend gezeichnetes Personal und formale Kunstfertigkeit, stilistischer Reichtum und erzählerische Fülle.