OT: Hiltu ja Ragnar, 1923 Aus dem Finnischen von Reetta Karjalainen Mit einem Nachwort von Panu Rajala 127 Seiten, € 18,00 [D] | € 18,50 [A] Gebunden, fadengeheftet und mit Lesebändchen ISBN 978-3-945370-05-6

Hiltu und Ragnar

Frans Eemil Sillanpää

Hiltu Toivola kommt als Dienstmädchen ins Haus der Rektorsfrau Palmerus. Die misstrauische Dame des Hauses kann sich kein zuverlässigeres Mädchen wünschen als Hiltu, und schon bald hat sie so viel Vertrauen zu ihr geschöpft, dass sie es sogar wagt, sie alleine zu lassen und eine Nacht außer Haus zu verbringen. Mit im Haushalt lebt allerdings auch der lebensdurstige Ragnar, der noch nicht ganz erwachsene Sohn des Hauses, der auf der Suche nach jugendlichen Abenteuern ist. Eine für Hiltu fatale Konstellation: Als die Rektorsfrau eine Nacht verreist ist, lädt Ragnar ein paar Freunde zu sich nach Hause, wo sie ein Zechgelage veranstalten. Hiltu ist die einzige Frau im Haus, und die verhängnisvolle Nacht nimmt ihren Lauf.

»Hiltu und Ragnar«, 1923 veröffentlicht, beschreibt eine vermeintlich kleine tragische Liebesgeschichte von wenig mehr als 100 Seiten, die ihre Größe dadurch erlangt, dass sie direkt und ohne ablenkende Ausschmückungen zu einer existenziellen Unausweichlichkeit vordringt. Man fühlt mit Hiltu, bangt um sie, wünscht sich nichts sehnlicher, als dass alles ein gutes Ende nimmt.

»Oberflächlich betrachtet, besitzt diese Geschichte alles, was ein Märchen ausmacht (…), aber hier geht es um die Darstellung zweier menschlicher Schicksale, deren Fundament in politischen und psychologischen Konflikten liegt. Im Zwiespalt zwischen Wirklichkeit und Ideal entfaltet diese Erzählung ihren Reiz.«

Matthias Friedrich, literaturkritik.de

»Sillanpää legt es nicht aufs Mitfühlen an. Er hält Abstand zu seinen Figuren, nimmt aber ihre Psychologie genau. Oder eigentlich: die Beschreibung ihrer eigenartigen Verloren- und Verwirrtheit in dieser Welt. (…) Reetta Karjalainen hat die stellenweise ironisch angereicherte Nüchternheit Sillanpääs in kühl-präzises, zart altmodisches Deutsch übertragen.«

Sylvia Staude, Frankfurter Rundschau

»Eine großartige Novelle. (…) Da ist eine Zartheit, eine Einfühlung in menschliches Empfinden, die an Schnitzler erinnert, während die Schilderung der erstickenden bürgerlichen Verhältnisse, zwischen den Generationen, zwischen den Geschlechtern, auf wenigen Seiten die Intensität eines Ibsenschen Dramas entwickelt.«

Bettina Hartz, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

»Sillanpää erzählt von der Verstrickung der beiden jungen Leute von innen heraus, in leisen Tönen, vollkommen unsentimental, oft sogar frech und rauh. Und ist so nah bei Hiltus Verwirrung, ihrem Hoffen, ihrem Warten und ihrer Einsamkeit, man fragt sich immer bloß, wie er das macht. Und wie diese Übergänge von einer Perspektive in die andere – eben war er noch bei Ragnar, schildert dessen robuste, kränklich-wütende Art, sich des Mädchens zu bemächtigen, da ist er unmerklich in Hiltus Denken und Empfinden hinübergeschlüpft, und man erlebt ihre zitternde Angst, träumt mit ihr davon, dass jetzt, mit Ragnar, endlich, endlich etwas Schönes in ihrem Leben beginnt.«

Bettina Hartz, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

Frans Eemil Sillanpää

Im Herbst des Jahres 1857 wird Jussi-Toivola als Sohn armer Bauern in einer Zeit geboren, die von großen Umbrüchen gezeichnet ist. Finnland ist bestrebt, sich von der jahrhundertelangen Fremdherrschaft – zuerst durch Schweden und dann durch Russland – zu befreien. In seiner Heimat, wo Jussi aufwächst und später als Landarbeiter und Kleinpächter in einer Hütte mit Frau und zahlreichen Kindern sein Leben zu bestreiten versucht, erschweren Hunger und Armut sein Dasein. Als dann 1918 der Bürgerkrieg ausbricht, findet sich Jussi inmitten der Auseinandersetzungen des Krieges wieder.

Frans Eemil Sillanpää, als bisher einziger Finne wurde er 1939 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet, betrachtet Jussis Schicksal mit anteilnehmender Zugeneigtheit, ohne zu verklären, ohne zu viele Worte zu verlieren. So entsteht das Bild eines Menschen im Einklang mit der Natur, mit »Gleichgewicht in seinen Gedanken«, der den historischen Umwälzungen letztlich zum Opfer fällt. Und doch überstrahlt die Beschreibung des Lebens von Jussi-Toivola all das Elend und die aufreibenden Konflikte. Es leuchtet, aufgehoben in der Literatur.